Nachdem das ganze Ding jetzt schon seit zwei Tagen durch die Medien geistert kann ich für meinen Teil nur sagen: ES IST EINE SCHANDE!!! Für alle jene, die nicht wissen worum es geht: Im Jahr 2008 wurde bei einem meiner Lieblingsautoren – namentlich Terry Pratchett – eine (nicht näher definierte, aber seltene Form von) Morbus Alzheimer diagnostiziert. So weit, so gut. Damals habe ich diese Meldung mit mildem Bedauern zur Kenntnis genommen – der Nachschub an neuen Büchern aus seiner produktiven Feder schien – zumindest für absehbare Zeit noch gesichert, also wozu sich groß aufregen…trotz im Hintergrund lauernden, leichten Unbehagens.
Seine Bücher begleiten mich mittlerweile, na so in etwa, seit 16 oder 17 Jahren (man muss nur Zahlen bis zwölf ausschreiben, glaube ich mal gelernt zu haben), und ich habe jede einzelne Stunde genossen. Mittlerweile sind es 37 Stück(!!!), die in deutscher Sprache erschienen sind – auch wenn ich schon seit längerem dazu übergegangen bin seine Bücher als englischsprachige Hardcoverausgaben möglichst rasch nach dem Erscheinen über meine bevorzugte Buchhandlung zu bestellen. An dieser Stelle gebe ich auch postwendend eine Kaufempfehlung für alles ab, was der gute Herr jemals geschrieben hat (außer vielleicht die Johnny Maxwell-Romane, mit denen bin ich nie richtig warmgeworden).
Neulich hat sich Terry Pratchett zum – im Vereinigten Königreich sehr restriktiv gehandhabten (mögliche 14 Jahre Haft für Beihilfe zum Suizid verfolgt unter Verschwörung, seit dem Suicide Act von 1961) Thema der aktiven Sterbehilfe geäußert. Dies hat er aber nicht im stillen Kämmerlein getan, sondern auf der jährlich stattfindenden Richard-Dimbleby-Lecture, einer Veranstaltung die 1972 zum Gedenken an Richard Dimbleby – einem in England sehr bekannten Nachrichtensprecher (40 Zigaretten/Tag, gestorben an Lungen- oder Hodenkrebs, da gehen die Meinungen scheinbar auseinander) – ins Leben gerufen wurde, und die bis dato Redner wie Lord Rothschild, Helmut Schmidt, Dominique de Villepin, James Dyson, Craig Venter oder Prinz Charles begrüßen durfte – breite Aufmerksamkeit durfte ihm gewiss sein.
Die Meldungen der österreichischen Medien dazu, zumindest derer die ich regelmäßig lese, dazu finden sich hier und hier. In England hat sein Standpunkt, der grob zusammengefasst folgende Punkte umfasst, wohl ziemliche Wellen geschlagen:
-
In England und in anderen Ländern wird aktive Sterbehilfe als Mord betrachtet, außer die Polizei entscheidet sich den Sachverhalt anders zu betrachten
-
Es wäre besser, wenn Personen mit Todeswunsch mit Freunden und Familien ein Komitee aufsuchen könnten um ihren persönlichen Fall und ihre Beweggründe darzulegen
-
Ein Rechtsexperte in Familienrecht und ein Arzt der mit der Problematik Langzeitkranker vertraut ist, sollten diesem Komitee angehören
-
Die Medizin, die über Jahrhunderte dazu beigetragen hat, dass wir länger und gesünder leben, sollte auch in der Lage sein uns einen ruhigen, friedvollen Tod im Familienkreis zu ermöglichen, ohne sich lange in “Gottes Wartezimmer” aufhalten zu müssen (Quelle)
In einer Umfrage, die danach durchgeführt wurde, bekannten sich 73% der über 1000 Befragten dazu, dass Angehörige und Freunde von Sterbenskranken straffrei zum Freitod dieser Personen betragen dürfen sollen. Im Falle einer nicht unweigerlich zum Tode führenden Krankheit sank die Zustimmung auf 48%. Ein aktueller Fall zur Illustration dieses Sachverhalts ist der von Lynn Gilderdale. Einen Videomitschnitt in sechs Teilen vom Pratchett’schen Auftritt findet ihr übrigens untenstehend, eine Audiomitschnitt von Terry Pratchett in dem er über seine Erkrankung spricht gibt es hier (File herunterladen und mit VLC-Mediaplayer oder RealPlayer öffnen). BBC-Medienbericht und Reaktionen findet man unter anderem hier, hier, hier, hier und hier (Wird Guernsey das neue Sterbehilfe-Eldorado?). Welche Meinung der einzelne zur Thematik der Sterbehilfe hat mag divergieren, ich bin (nicht erst seit Pratchett) der Meinung, dass man sich diesem Thema zumindest einmal auf Diskussionsebene annähern sollte, um ein mögliches Vorgehen des Gesetzgebers zu umreißen und um eventuell unheilbar Kranken, die entscheidungsfähig sind, die Möglichkeit zu geben gegebenenfalls den Weg des Freitodes zu gehen.
Na gut, und was ist jetzt eigentlich die SCHANDE? Meiner Meinung nach, dass ein Mensch, der es auf unnachahmliche Weise versteht der Welt in seinen Büchern auf humorvolle Weise einen Spiegel vorzuhalten (ja, noch besser als die Simpsons das tun), an einer Krankheit leidet, die ihn zwingt seinen kreativen Verfall und das Entgleiten seiner kognitiven Fähigkeiten – zumindest im Anfangsstadium der Krankheit – bewusst mitzuerleben. Ich will mir gar nicht vorstellen wie grauenerregend das sein muss.
Ich hoffe trotzdem auf viele neue Bücher, die Diskussion ist hiermit eröffnet…
P.S.: Ein deutschsprachiges Wiki rund um die Scheibenwelt findet ihr hier, die Homepage der Pratchett’schen Bücher gibt’s hier.
AKTUALISIERUNG: Die Alzheimer-Variante an der Terry Pratchett leidet ist auch als Posteriore Corticale Atrophie (PCA) oder Benson-Syndrom bekannt. Eine Kurzzusammenfassung zum Krankheitsbild gibt es hier, ein umfassende Beschreibung des Krankheitsbildes in Englisch gibt es hier als PDF zum Download. Die Erkrankung wurde erstmals 1988 von Franck Benson beschrieben. Das Hauptunterscheidungsmerkmal zur Alzheimer-Krankheit besteht darin, dass sich die degenerativen Prozesse hauptsächlich im Hinterhauptslappen des Gehirns abspielen – also dem Teil der für das Sehen, die Verarbeitung von visuellen Informationen und die höheren Fähigkeiten des visuellen Systems (Orientierung, Objekterkennung, Gesichtserkennung) zuständig ist. Leitsymptome sind: visuelle Agnosie (Objektagnosie), Apraxie und Beeinträchtigungen der Gedächtnisleistung – im Gegensatz zur Alzheimer-Krankheit ist dies allerdings eher in Testsituationen als im täglichen Leben zu bemerken. Im Endzustand der Erkrankung agiert der Betroffene so, als ob er blind wäre, die Interaktionsmöglichkeiten sind reduziert bis nicht mehr vorhanden – obwohl die Sehleistung nicht notwendigerweise abnimmt. Der Betroffene ist schlicht nicht mehr in der Lage das Gesehene adäquat zu verarbeiten und damit zu interagieren. In der Krankheitsspätphase kommen Sprach-, Gedächtnis- und Urteilsfähigkeitsprobleme hinzu.
AKTUALISIERUNG: Eine Zusammenfassung des Pratchett’schen Standpunkts auf Deutsch gibt es auf dem Politikblog von Julie, und zwar hier.

Therapieende – Sterbehilfe – Suizid
Auf Diskussionsebene annähern… aha… da macht aber jemand seinen Standpunkt klar!
Naja, ich denke ich weiß, warum du nicht gerade mit deiner Meinung heraus kommst… du müsstest zu viel aus der Schule plaudern… so wie ich auch…
Ich werd es trotzdem versuchen.
Sterbehilfe? Ja und Nein! (DAS nennt man Standpunkt klar machen!)
Ja – ich verstehe zutiefst warum manche (todkranke) Menschen nicht mehr leben wollen, und ja, das ist ok.
Nein – weil immer die Frage bleibt wer es denn tun soll und ob die betreffende Person die Entscheidung da wirklich vollständig versteht.
Im Falle eines Pratchett – Nein!
Nicht weil er seine Entscheidung nicht verstehen würde, sondern, warum?
Wenn er nicht mehr leben will – kann er einen Suizid begehen, oder sich umbringen lassen (Geld hat er bestimmt genug), in dem er einen Profikiller anheuert.
Wozu da die feige Ausrede einer Sterbehilfe, wenn so jemand wirklich nicht mehr leben will, findet er einen Weg.
Was ist aber mit einem Menschen mit hohem Querschnitt und irgendeinem bösartigen Tumor im fortgeschrittenen Stadium?
Mit einer Prognose von sagen wir sechs Monaten.
Der kann sich kaum selber suizidieren.
Njein… wann? wer? wie?
Wann? Gleich nach der Diagnosestellung im ersten Schock? Oder doch erst im sechsten Monat, oder erst wenn es im richtig schlecht geht – und machen dann ein paar Tage noch einen Unterschied?
Wer? sollte es machen?
Ja klar, ich kenne auch die Filmdokumentationen über die schweizer/holländische Ärzte die Sterbehilfe leisten, die Vorbereitungen, das Procedere usw.
Aber so ganz wohl habe ich mich dabei nie gefühlt – es bleibt immer dieses, was, wenn doch… übrig.
Und würde es überhaupt so viele Ärzte geben, die bereit wären DIESE Aufgabe zu übernehmen? Oder würden dann ironischer Weise die sterbewilligen auf einer Warteliste versterben?
Wie? aktiv oder passiv? Soll der sterbewillige selbst den Auslösemechanismus für die Spritzenapparatur drücken, oder soll der Arzt es tun, oder wer auch immer?
Zu viele Fragen…
Und – liegt es nicht eher viel mehr auch an den Verwandten?
Du weißt schon – keinen Arzt rufen wenn sich jemand verschlechtert.
Denn, dann läuft die ganze Show und ist kaum mehr zu stoppen…
Und wenn man ehrlich ist – gibt es denn eine Art von Sterbehilfe nicht schon? Und nennt sich nur Therapieende?
Hmm?
Neben all diesen eher technischen Aspekten, sehe ich jedoch einen Aspekt der mir die Sterbehilfe wirklich sehr unfreundlich macht und das ist der gesellschaftliche Aspekt.
Ich glaube schlicht und einfach, dass wir als Kultur und als Gesellschaft nicht so weit sind, damit umgehen zu können!
Peter Singer sei hier als gedankenanregende Lektüre empfohlen… wenn auch mit Vorbehalt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Singer
Ich befürchte schlicht und einfach, dass Sterbehilfe in unserer Gesellschaft sehr oft, viel zu oft, als wirtschaftlicher Faktor missbraucht werden würde!
Die Kostenersparnis wäre enorm.
Und damit auch die Versuchung… Auschwitz für Kranke wäre eine mögliche Folge, die ich als sehr wahrscheinlich betrachten würde!
Nicht nur ganze Gesundheitsbudgets, nein ganze Haushaltsbudgets wären mit einem Schlag saniert.
Dann, das ganze noch privatisieren und die Scheiße ist perfekt.
Und, es möge jetzt keiner sagen, aber das wird ja nicht passieren – die Geschichte lehrt uns ein Besseres.
Was bleibt dann noch übrig?
Erstens die Enttabuisierung des Suizid.
Zweitens endlich der Ausbau des Hospiz- und Palliativwesens.
Drittens Sterbehilfe in ganz, ganz wenigen Fällen unter streng kontrollierten und überwachten Bedingungen.
Viertens als langfristiger Ausblick und nur möglich in Zusammenhang mit Punkt zwei – dass sich die Gesellschaft wieder mit dem Sterben und mit dem Vergehen vertraut macht, abrückt vom Wahn der ewigen Jugend und des ewigen aktiven Lebens, dann können wir noch einmal darüber reden, in ein paar hundert Jahren…
justmy2cents
to
PS: Hätte da jemand positivistischere Sichtweisen zu dem Thema – sie wären mir willkommen.
Kommentar von to — Februar 3, 2010 @ 22:28
Hui, das erfordert mehr Zeit, als ich im Augenblick habe, Antwort folgt in Bälde…
Kommentar von mkraxx — Februar 4, 2010 @ 07:38
So, jetzt geht’s ein bisschen leichter. Mal schauen:
“Gerade mit der Meinung herauskommen” ist ja bei der Thematik nicht sehr einfach, weil Verallgemeinerungen eher kontraproduktiv (und von mir auch gar nicht gewollt) sind.
Ein kleiner Exkurs zur Entscheidungsfreiheit des Menschen…diese betrachte ich persönlich als hohes (fast höchstes Gut),dass uns aufgrund des unglaublichen Zufalls der zu unserer Entstehung geführt hat überhaupt mitgegeben wurde. Das letzte Mal, als mich dieses Thema nachhaltig beschäftigte, hatten wir im Rahmen der Ausbildung Vorlesungen zum Thema “Pränataldiagnostik”, “maßgeschneiderten Kindern” und “Schwangerschaftsunterbrechungen bei Kindern, die aufgrund der Pränataldiagnostik wahrscheinlich mit einer Behinderung geboren werden (werden)”. Die einzelnen Standpunkte wurden durchaus kontroversiell diskutiert,ich konnte nicht umhin (allerdings mit ein bisschen Bauchweh) in diesem Punkt die Entscheidungsfreiheit der werdenden Mutter in Bezug auf eine Unterbrechung der Schwangerschaft (die in Österreich bei “passender” Diagnose während der gesamten Schwangerschaft straffrei durchgeführt werden darf) über die grundsätzliche Frage der Tötung ungeborenen Lebens zu stellen – adäquate, fundierte und objektive Information der Mutter vorausgesetzt. Unsere Dozentin ist eine der Sprecherinnen des Vereins “prenet”, der sich mit dieser Thematik intensiv beschäftigt, weitere Informationen dazu finden sich auf der Homepage des Vereins.
Also, prinzipiell bin ich ein Freund der menschlichen Entscheidungsfreiheit und finde, dass diese – ausreichende Information, und die Abwesenheit von psychischen Erkrankungen, Demenzen, der Gefährdung anderer und Ähnlichem vorausgesetzt – unangreifbar sein sollte.
Im Fall eines Terry Pratchett bin ich der Meinung, dass er auch bewusst seine Popularität einsetzt um die Thematik in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stellen. Natürlich könnte er einen Profikiller anheuern, aber ich bin mir nicht so ganz sicher, ob dies seiner Vorstellung von einem friedvollen Tod im Kreis von Freunden und Familie entspräche. Wär auch irgendwie komisch, zuerst ein Tässchen Tee und nach dem obligatorischen Teegebäck dann den Kopfschuss…das ist aber ohnehin reine Spekulation, da ich ihn nicht persönlich kenne, sondern nur seine Bücher lese.
Ich glaube auch nicht, dass es für ein Individuum jemals einfach sein kann (psychische Erkrankungen und Kurzschlussreaktionen wiederum ausgenommen) sich zu suizidieren. Wenn ich da an meine pubertären Phantasien zurückdenke – in der Vorstellung einfach, in der Durchführung undenkbar. Eine – behandelt oder unbehandelt – unweigerlich tödlich verlaufende Krankheit macht das in meinen Augen nicht wirklich leichter.
Zur Frage des “Wann?” im Beispiel mit der Querschnittslähmung inklusive bösartigem Tumor: ich verweise abermals auf eine adäquate Information, Begleitung und Betreuung. Ich kann und will mir jetzt auch kein Gremium vorstellen, dass Patienten direkt nach der Diagnosestellung zur Giftspritze abnickt. Zu diesem Zeitpunkt besteht ohnehin im psychiatrischen Sinn eine akute Belastungsreaktion, die einen gewissen Einfluss auf rationales Handeln haben dürfte. Ob dann allerdings nach sechs Monaten ein paar Tage noch “einen Unterschied machen würden”, diese Frage könnte meiner Ansicht nach nur der Betroffene beantworten. Ich denke dass es für manche Menschen schon einen Unterschied machen könnte – dies hängt aber dann sicher auch vom familiären Umfeld, dem Zusammenhalt in der Familie, geleisteter Trauerarbeit und Ähnlichem ab – allerdings…Entscheidungsfreiheit. Ich denke mir, dass wir beide wissen wie gut oder schlecht bis hin zu absolut grauenhaft der Sterbeprozess eines Menschen verlaufen kann, wenn es im Einzelfall besser geht – warum nicht?
Über das “Wie?” und “Wer?” habe ich mir zugegebenermaßen keine Gedanken gemacht, das war aber auch nicht der Sinn des Artikels, ich habe mich auch nicht über die Vorgangsweisen in anderen Ländern informiert – obwohl ein paar verschwommene Bilder zu Dokumentationen in mir hochquellen – das waren wahrscheinlich dieselben, die du auch kennst – es geht mir mehr um die prinzipielle Möglichkeit, die vorhanden sein sollte. Über die Rahmenbedingungen sollen sich die Leute den Kopf zerbrechen, die dafür geeigneter sind als ich.
Zum Thema Verwandte/Angehörige: wie viele – in dieser Hinsicht – kompetente Angehörige kennst du? Jeder dieser Menschen bringt seine eigenen Verhaltensmuster, Bindungsstrukturen, Ängste, Neurosen usw. in die Situation mit, ich traue mich nicht zu sagen, wieviele die Wünsche ihrer Angehörigen kennen, und dann im Moment in dem es darauf ankäme die Courage aufbringen nicht zum Telefonhörer zu greifen.
Einstellung der Therapie als passive Sterbehilfe – gut, ABER das sieht in den meisten Fällen die ich persönlich erlebt habe nicht mehr nach wirklich bewusstem Wahrnehmen, geschweige denn nach einer Form von Lebensqualität aus (Tubus, Sedierung, Beatmung, …) – immer gesetz dem Fall, dass die Buchstaben den Gesetzbuches streng befolgt werden. Auf Intensivstationen ist es schön, wenn in dieser Hinsicht eine kongruente Politik verfolgt wird (was aber auch nicht immer der Fall ist), aber im normalen Behandlungssetting kommt das ja eher selten vor, oder?
Die gesellschaftlichen Aspekte – hmm, jaaa, würg…das Szenario das du zeichnest (Privatisierung) ist wirklich schrecklich, und prognostisch bist du eindeutig besser als ich – also traue ich mich hier nicht zu schreiben “dass wird auf keinen Fall passieren”. Trotzdem bin ich der Meinung, dass diese Möglichkeit in einem gewissen Rahmen bestehen sollte – was du ja auch im letzten Absatz anreisst. Ich finde die Palliativbewegung ebenfalls gut und wichtig, aber ich kann mir vorstellen dass dies nicht für jedes Individuum die passende Lösung darstellt. Vom Jugendwahn habe ich mich allerdings schon mit Mitte 20 verabschiedet (ach ja…)
…this is my ryhme-reply…
…to the 2 cents of da nigga-boyz…
…of da hoodz…
…oder so…(das versteht jetzt wieder niemand glaube ich…)
Ich kann mich nur anschließen – mehr Meinung bitte, das Thema ist heiss und es gibt deutlich mehr Hits als Kommentare – nehmt euch Zeit zu schreiben!!!
Kommentar von mkraxx — Februar 4, 2010 @ 18:38
Ja, ein Geradeaus ist bei diesem Thema alles andere als einfach, weshalb ich auch liebend gerne fast alle meine Punkte zur Disposition stelle!
Bis auf den gesamtgesellschaftlichen Aspekt!
Dies wiederum verleidet mir aber alles andere, denn passen die gesellschaftlichen Umstände nicht, wird so etwas wie Sterbehilfe generell nicht funktionieren.
Ahhh… Entscheidungsfreiheit…
Jetzt wirds kompliziert, richtig, richtig kompliziert. (Fein!)
Ja – Entscheidungsfreiheit ist das fast höchste Gut des Menschen.
Theoretisch zumindest…
Was heißt Entscheidungsfreiheit? Das ist ein ganz großes Wort, so was wie die Atombombe in jeder Diskussion (get ready for the fallout).
Welche Entscheidungen treffen wir denn frei?
Fällt dir auf die schnelle eine ein?
Klar, fast alle Menschen glauben fest an ihre Entscheidungsfreiheit, und wehe man versucht da mal was anderes aufzuzeigen – dann gehts aber los.
Ich denke, dass der Großteil all unserer Entscheidungen höchst unfrei getroffen wird.
Wir sind bestimmt von äußeren und inneren Zwängen und Notwendigkeiten, bestimmt durch unser soziokulturelles Umfeld, durch Fremdmeinung und durch Erziehung.
Viel mehr als wir glauben und noch weit mehr, als wir zuzugeben bereit sind.
Schon Plato kämpfte sehr mit diesem Wort, und spätere Philosophen meinten gar, dies sei ein Ding der Unmöglichkeit und manche meinen gar, Nietzsche sei ob dieses Wortes verrückt geworden…
Aber konkret zurück zur Entscheidungsfreiheit – PND – Schwangerschaftsabbruch…
Ich persönlich kann mir einen Schwangerschaftsabbruch nicht mehr vorstellen, seit ich damals im Praktikum die abgetriebenen Föten ins Formaldehydglas gelegt habe.
Davor war ich fest davon überzeugt, dass Abtreibung eine gute Sache sei, seit dem kann ich es mir nicht mehr vorstellen – nicht weil es ekelig gewesen wäre, sondern einfach weil seitdem eine tiefe innere Überzeugung existiert, dass dies einfach falsch ist. Grundfalsch.
Und jeder einzelne Gynäkologe hasst diese Tätigkeit, hasst sie abgrundtief (auch, wenn sie es nicht zugeben würden, man sieht es ihnen deutlich an).
Bin ich jetzt ein Abtreibungsgegner? Was mich persönlich anbelangt – ja.
Aber ich bin nicht gegen die Abtreibung, genauso wie ich nicht gegen die Sterbehilfe bin.
ich verstehe warum Menschen eine Abtreibung wollen – auch, wenn ich es mir persönlich nicht vorstellen kann.
Aber es ist etwas, dass dringend diskutiert gehört, denn auch hier bleiben zu viele Fragen offen.
Die erste Frage ist schon mal – Diagnosefehler.
In der Medizin ist ja alles superpräzise und Fehler gibt es nicht, nur Überraschungen… – die dafür recht oft.
Und dann ist da das Problem der Fristen, also Schwangerschaftsabbruch bis zur Woche xy, oder bei “Behinderung” während der gesamten Schwangerschaft.
Das Problem dabei ist, dass diese Fristen immer mehr zur Disposition stehen, dies unter dem Argument, wie man Leben definiert…
Wenn man jetzt sagt ein Fötus ist kein menschliches Lebewesen, weil es kein rationelles, selbstbewußtes Wesen ist und das es daher vom Status her einem Nutztier gleicht, dann kommen wir sehr bald in die Dimensionen in denen ein Peter Singer sich bewegt, der verlangt, dass dieser Status des nichtmenschlichen Lebewesen sich bis in das zweite Lebensmonat erstrecken sollte.
Also, grob gesagt, dass man einen Säugling auch im ersten Monat töten könnte und dies als Abtreibung gelten würde.
Klar hat Singer recht, wenn er mit der gesellschaftlichen Verlogenheit argumentiert und sagt, dass, wenn menschliches Leben darüber definiert wird, ob es rationell und sich selbstbewußt ist oder nicht, wie die Abtreibungsbefürworter dies allgemein tun, dann kann man so einem Lebewesen auch mit einem Tier vergleichen. Und Tiere töten wir haufenweise, hauptsächlich um uns kulinarische Genüße zu bereiten.
Wo ist dann also der Unterschied per definitionem?
Es wäre aus dieser Sichtweise also sehr verlogen einen ein Monate alten Säugling anders zu behandeln als ein Rind oder Schwein.
Um hier keinen falschen Eindruck zu erwecken, Singer läuft jetzt nicht herum und verlangt, dass man Säuglinge frei töten kann, wie es die alten Griechen (ja, auch die Athener, selbst Plato verlangte es) und Römer taten, auch verlangt streng kontrollierte Bedingungen für den Infantizid.
Und genau hier spießt es sich, auf der einen Seite wirft er der Gesellschaft (zu recht) Verlogenheit vor, auf der anderen Seite erwartet er von genau dieser Gesellschaft, dass sie sich an Spielregeln hält – ha…ha…ha…
Und damit sind wir auch schon beim nächsten Punkt – Spielregeln und gesellschaftliche Zwänge.
Im alten Griechenland und Rom war es der gesellschaftliche gute Ton, die gesellschaftlichen Spielregeln, die dazu führten, dass behinderte und mißgebildete Kinder getötet wurden. Es war ja nicht so, dass dies jetzt arme Kulturen waren, die jeden Winter um ihre Existenz bangen mussten.
Es war halt en vogue dies zu tun.
Und was bitte hindert unsere heutige Gesellschaft wieder in dieses Verhaltensmuster zurück zu kehren?
Weil wir sooo viel weiter sind? Also, das glaube ich nicht wirklich!
Die letzten Zeugnisse unseres gesellschaftlichen Fortschrittes liegen ja gerade erst 65 Jahre zurück.
Und damit sind wir wieder bei der Entscheidungsfreiheit – wie viele Frauen und Familien werden eine Entscheidung pro Schwangerschaftsabbruch treffen, weil es ein “Makel” ist ein behindertes Kind zu haben? Weil sie damit in der Gesellschaft “schlechter” dastehen?
Wie viele?
Würde etwas, das ich als Ego-Utilitarismus bezeichnen würde überhand nehmen?
Nicht jedes behindertes Kind bleibt ungeliebt, nicht jeder Behinderter ist ein unglücklicher Mensch.
Es geht ja nicht nur um die adäquate, fundierte und objektive Information der Mutter, es ginge auch darum heraus zu finden, ob diese wirklich eine freie Entscheidung trifft, oder ob ihre Entscheidung abhängig ist von der Meinung anderer.
Und wer soll das bitte machen, wenn wir uns selbst zu meist gar nicht bewußt sind, was alles unsere sog. freie Entscheidung beeinflusst?
Ein klinischer Psychologe mit Checkliste und xy-Testbogen?
Aber nicht wirklich – oder?
Ich bin für die Abtreibung, da es genug Fälle gibt in denen sie auch für mich gerechtfertigt ist, von Vergewaltigungsopfern bis zu zu erwartenden Totgeburten. Und in jedem anderen Fall müssen die betroffenen Personen dies mit sich selber ausmachen.
Aber für mich persönlich bleiben einfach zu viele Fragen offen, zu viele Fallen offensichtlich…
Dieses Thema gehört genauso wie die Sterbehilfe in die Öffentlichkeit gezerrt und breit diskutiert, ich fürchte zwar, dass dies die häßliche Fratze der Gesellschaft zu tage fördern wird, bin aber der erste der über das Gegenteil froh wäre!
Genau das macht ein Pratchett ja auch mit der Sterbehilfe. Daran habe ich keine Kritik geübt.
Meine Kritik geht allgemein in die Richtung, dass die Menschen dann nach einer dritten Person, Instanz rufen, mir kommt da immer das Bild vom Ablasshandel hoch.
Aber zurück zu Pratchett – Profikiller…
Nicht alle Profikiller töten per Kopfschuss (ist nicht wie in den Games), worin genau liegt jetzt der Unterschied, ob ein Arzt oder ein Profikiller nach dem 5 o’clock tea die Spritze auspackt? Außer dem Preis natürlich…
(So zur Strafe habe ich jetzt meinen Tee über die Tastatur vergossen… – erzähl mir einer was von Zufällen…)
Suizid – und warum hast du dich nicht umgebracht damals in der Pubertät, wohl aber mit dem Gedanken gespielt?
Weil du nicht wirklich sterben wolltest. Oder?
Die Erfahrung zeigt, dass wer wirklich sterben, der findet einen Weg.
Klar macht eine tödliche Krankheit einen Suizid nicht leichter, aber warum nicht?
Vielleicht, weil man nicht wirklich sterben will?
Man will nicht leiden, man will die ganze Scheiße nicht durchmachen… aber will man auch sterben?
Man spielt mit dem Gedanken, jeden Tag… ähnlich wie du in der Pubertät – aber will man wirklich sterben?
Zu viele Fragen…
Wie hoch ist das Risiko das jemand Sterbehilfe bekommt, der bloß laut mit dem Gedanken ans Sterben spielt?
Oder anders gefragt, wann weiß ich, dass mein Wunsch zu sterben, wirklich der Wunsch nach dem Tod ist, und nicht der Wunsch nach etwas anderem?
Zur Frage des Wann?
Ich bin da voll bei dir, ja wir beide wissen wie das Sterben ablaufen kann, im positiven wie im negativen Sinne.
Und ich bin ja im Prinzip für die Sterbehilfe, nur weil wir beide eben wissen, wie das Sterben ablaufen kann, bin sich so skeptisch.
Wie beide wissen, dass es vor allem das Umfeld ist, welches einen großen Einfluss hat.
Wir beide haben erlebt wie Angehörige stundenlang auf einen sterbenden einreden er möge doch kämpfen und weiterleben und wir haben beide erlebt wie Angehörige beim Anblick von ein paar Schläuchen hysterisch reagieren und flehentlich um ein rasches Ende bitten…
Und wir haben erlebt wie großartig andere Angehörige mit so einer Situation umgehen können.
Dann muss man aber auch fragen, ob man eine Sterbehilfe zugestehen will, wenn die betreffende Person hauptsächlich das Leiden seiner Angehörigen lindern will?
Natürlich ist das Leiden seiner Angehörigen auch sein Leiden, und sein Leiden ist das Leiden seiner Angehörigen.
Aber die Entscheidung der Sterbehilfe zu zustimmen wird dadurch wesentlich schwerer, oder nicht?
Die Person will jetzt sterben weil Angehöriger xy so furchtbar unter seinem Zustand leidet – pfffff… möchtest du da eine Entscheidung treffen wollen?
Also, ich nicht.
Was mich zum Thema “kompetente” Angehörige bringt.
Etwas, das ich in meinem Verwandtenkreis anläßlich des Themas Patientenverfügung endlos druchgekaut habe.
Kompetente Angehörige die nicht zum Telefonhörer greifen? Wenige, ganz wenige!
Kein Vorwurf, überhaupt nicht, mehr als verständlich – es geht ja um eine geliebte Person, um jemanden, der im Idealfall mehr “Wert” ist, als man selber.
Aber das ist wiederum hauptsächlich ein gesellschaftliches Problem.
Das überfordert sein mit dem Tod… wurde ja ausreichend wissenschaftlich abgehandelt, bezogen auf Epochen, soziokulturellen Hintergrund etc.
Vermutlich gab es noch nie eine Gesellschaft, die so überfordert war mit diesem Thema wie die unsere.
Und doch sind es hauptsächlich die Angehörigen, die über das Schicksal entscheiden, in dem sie zum Telefon greifen oder nicht, mit den Entscheidungen die sie mit dem Arzt für den Betroffenen treffen, wenn dieser nicht mehr selbst dazu in der Lage ist.
Das sind Situationen auf die ist man nie wirklich vorbereitet, keiner von uns – da weiß ich von was ich rede.
Aber so schlecht wie in der heutigen Gesellschaft, war man darauf wohl noch nie vorbereitet.
Da kann man jetzt sagen – zum Glück! weil das Sterben heute nicht mehr so alltäglich ist wie in anderen Zeiten. Oder man kann sagen – leider! weil das Sterben in Institutionen abgeschoben wird.
Das ändert aber alles nichts daran, dass es sehr oft in der Hand der Angehörigen liegt, wie so etwas ausgeht.
Und nicht nur in der Hand der Ärzte.
Alleine diesen Umstand begreiflich zu machen ist sehr, sehr schwer.
Einen geliebten Menschen sterben zu lassen, eben weil man ihn liebt und weil es sein Wunsch ist – das ist sehr, sehr schwer.
Man lebt sein restliches Leben mit der Frage nach der restlichen 0,5%igen Chance, mit dem was wäre, wenn doch…
Und dies ist fast nicht auszuhalten, wenn man nicht mit seinen Angehörigen lange und konkret darüber gesprochen hat, und man nicht genau weiß, dass es in Ordnung ist, dass man einen Wunsch erfüllt hat, dass dies mehr Wert ist als der eigene egoistische Schmerz, so stark und schmerzhaft er auch sein mag.
Aber all dies muss vorher passieren, in den guten Zeiten, nicht wenn Verzweiflung das Herz und die Gedanken umwölkt.
Etwas, dass wohl nur sehr selten stattfindet.
Über das “Wie?” und “Wer?” sollen sich andere den Kopf zerbrechen, die geeigneter sind?
Hmmm… wer könnte mehr geeignet sein als du? Als jeder?
Es könnte dich, jeden, nächstes Monat, nächstes Jahr betreffen.
Da sollen jetzt die Experten die Entscheidung abnehmen?
Wirklich?
Wenn man die Sterbehilfe will dann braucht es die breite öffentlich Diskussion über jeden Aspekt der Sterbehilfe, nur auf diesem Wege kann man feststellen, ob wir als Gesellschaft bereit sind für so etwas.
Ich habe daran meine großen Zweifel.
Wir sind dafür nicht bereit.
So sehr ich mir manchmal in einigen Fällen so etwas wie Sterbehilfe für jemanden auch schon gewünscht habe.
Ich denke nicht, dass dies in unserer dzt. Gesellschaft wirklich funktionieren würde.
Über das Procedere und die technischen Umstände käme man bestimmt rasch zu einer geeigneten Lösung, wir sind ja recht erfinderisch, wenn es ums töten geht.
Aber ob wir damit auch umgehen können, als Gesellschaft, darin liegt mein Hauptkritikpunkt.
An die geneigten Leser – die sich diese Zeilen angetan haben: Ich sehe dies hier nur als rasche Gedankensammlung und nicht etwa als Dogma oder gar wissenschaftliche Abhandlung.
Es mögen sich doch mehr Stimmen melden und ihre Meinung äußern, auf das sich die meinige vielleicht ändere.
Auch ich wäre gespannt auf andere Meinungen und Gedanken zu diesem Thema.
Ich würde sagen, es gibt hier kein richtig oder falsch.
Nur ein respektvolles oder nicht respektvolles Umgehen mit dem Thema.
In diesem Sinne…
to
Kommentar von to — Februar 4, 2010 @ 22:42
Stellvertretend für die römisch-katholische Kirche hat die holländische Katholische Bischofskonferenz mit ihrer „Pastoralen Handreichung” gegen aktive Sterbehilfe protestiert, in der sie festschreibt:
„Das Ersuchen um aktive Sterbehilfe ist der Versuch, den letzten Gang des Lebens vollständig in die eigene Hand zu nehmen. Dies ist nicht vereinbar mit der Übergabe seiner selbst in die liebende Hand Gottes, wie sie sich in den kirchlichen Sakramenten ausdrückt …“
„Euthanasie ist keine Lösung für das Leiden, sondern eine Auslöschung des leidenden Menschen.“
Kommentar von der Katzenschrecker — Februar 5, 2010 @ 10:03
Gute Güte – ich weiss schon, warum mir der Verein so zuwider ist…aber die Jesuiten sind super!
Kommentar von mkraxx — Februar 5, 2010 @ 13:58