Was ist in den letzten zweidreiviertel Stunden eigentlich passiert? Und warum war das Erwachen so bitter? Und wo soll das alles noch hinführen? Fragen, die sich nach einer Reise nach Pandora einem Besuch von Avatar unausweichlich stellen…
Pandora befindet sich angeblich im Alpha-Centauri-System, 4,4 Lichtjahre von der Erde entfernt (ja, sicher…), und die Menschheit muss hin, um dem sagenhaften Mineral “Unobtainium” (fabelhaft…) nachzujagen um unendlich viel Geld zu verdienen die sich auftürmenden Rohstoffprobleme der Erde zu lösen. Dies tut sie in einer seit Jahrhunderten etablierten Art und Weise: Unterdrückung der indigenen Bevölkerung mit Tendenz zum Genozid. Werkzeug ist eine Firma namens RDA (was immer das auch heißen mag, vielleicht Ressource Development Association?) deren Fußsoldaten sich aus ehemaligen Marines des US-Militärs rekrutieren. Und natürlich gibt es Probleme mit der Bevölkerung des Planeten – den Navi – die ihren riesigen Lebensbaum partout nicht räumen will, um der RDA auf diese Weise Zugang zu den darunter liegenden Unobtainium-Vorkommen zu gewähren, diese blöden blauen Affen.
Danach entspinnt sich eine Geschichte, im besten Stil von “Der mit dem Wolf tanzt” oder “Pocahontas”, in deren Mittelpunkt Jake Sully, ein paraplegischer Ex-Marine steht, der sich per Computerlink im – eigens für seinen verstorbenen Zwillingsbruder (DNA-Äquivalenz sei Dank) gezüchteten – Körper eines Navi aufmacht um unter der Fuchtel eines Colonels (der frappierend an Duke Nuke’em erinnert, sowohl vom Aussehen, als auch vom Verhalten) und einer kettenrauchenden Wissenschaftlerin (Mann, ist Sigourney Weaver alt geworden) das Vertrauen der Navi zu gewinnen, Informationen über Verteidigung und Struktur des Lebensbaumes zu sammeln, Stammesriten und die eigens für den Film entwickelte Sprache zu lernen, sich in die zukünftige spirituelle Führerin des Navi-Clans zu verlieben, im Allgemeinen die Welt der Navi auf einer großen, roten Flugechse vor den raubenden und mordenden Horden der Himmelsleute (ignorante Trottel aka Menschen) zu retten und nebenbei seinen Biolink-Schweif Haarzopf (oh ja!) in zahlreiche Tiere und Pflanzen zu stecken – also abgesehen von der ganzen Schweif-Steckerei nicht der aufregendste Plot der Welt.
Das wäre ja an sich nicht das Bemerkenswerte an dem Film, das ist nämlich die Technik (die in Digital-3D wirklich fulminant ist), auf die der kleine Junge James Cameron seit 1994 gewartet hat, um seinen Film zu verwirklichen (so ähnlich wie George Lucas bei der neueren Star Wars-Trilogie, nur dass der gute Mann nicht lange genug gewartet hat). Das Herzstück scheint ein Echtzeit-Motion-Capturing-Verfahren zu sein, dass es ihm während des Drehs erlaubte die einzelne Szenenelemente inklusiver virtuell generierter Inhalte als Ganzes zu betrachten (interessanter Artikel dazu hier), was ihm erlaubt hat dem Zuschauer eine schlicht atemberaubend in Szene gesetzte Welt zu präsentieren (und wenn ich sage atemberaubend meine ich genau das – nämlich atemberaubend). Im Endeffekt ist dies auch nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, dass die guten Jungs von Weta Digital, die sich schon für die Spezialeffekte in Filmen wie “Der Herr der Ringe”, “I, Robot”, “King Kong” und “District 9” verantwortlich zeichneten, auch in Avatar federführend das Spezialeffektzepter schwingen. Die Modelle wurden von Weta Workshop zusammengeschraubt, die sich ebenfalls mit der Ausstattung von “Herr der Ringe” einen Namen machen durften. Und die Damen und Herren von ILM durften ebenfalls kräftig mitmischen – und die sind ja auch nicht unbedingt für ihr amateurhaftes Tun (abgesehen von Star Wars neu) bekannt. Insgesamt wurden über 2000 Szenen computergeneriert, die Arbeiten begannen bereits 2005.
Die Einspielergebnisse sprechen ohnehin für sich, die 1.000.000.000$-Marke wurde am 4.1.2010 erreicht, 18 Tage nach dem Filmstart.
Zusammenfassend würde ich sagen schreiben, dass Avatar definitiv gesehen werden muss, nicht wegen der Geschichte die erzählt wird, sondern wegen dem was der Film ist, nämlich die wirklich fühlbarste Weiterentwicklung des digitalen Kinos nach “Herr der Ringe” und vielleicht noch “King Kong”, die Optik ist einfach absolut fantastisch (ja, fantastisch, fantastisch, fantastisch, fantastisch, fantastisch…) Man sollte nur nicht den Fehler machen sich den Abspann anzusehen, sondern bei den ersten Takten des finalen Liedes (“I see you”) das uns von Leona Lewis dargeboten wird fluchtartig das Kino verlassen, denn das hört sich so an als ob Celine Dion ihren Biolink-Schweif Harzopf in Enya gesteckt hat und das daraus entstandene Mischwesen unter ständigen Peitschenschlägen gezwungen wurde zur Melodei Melodie von “My heart will go on” einen anderen Text zu singen – wirklich grauenhaft.
Zum Abschluss: weiterführende Information zu den Digitaleffekten gibt es hier (Danke an to für den Link), ein ausführliches Interview mit James Cameron hier und ein 10-minütiges Making of auf Deutsch unten.
UPDATE: Gestern via Kaliban gefunden: die Unterschiede in der Handlung zwischen Avatar und Pocahontas: klicke hier
